Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten
Es kommt viel schlimmer als derzeit gefühlt
Von M. M., 29. Mai 2009 – 08:27:00
Schauen wir den Tatsachen schon morgens in die Augen: Bei Opel geht es in erster Linie nicht um die Rettung einer Automarke, die ich selbst nie fahren würde. Es geht um die Rettung von Arbeitsplätzen. 55'000 Leute beschäftigt GM in Europa, bei Opel in Deutschland sind es 26'000.
Und wenn wir feststellen, es geht um den Erhalt der Arbeitsplätze, dann ist auch das nur ein Teil der Wahrheit. Im Kern geht es zunächst einmal darum, Unruhen zu verhindern. 26'000 Leute die von einem Tag auf der Strasse stehen, dazu x-mal soviele Angehörige und Bekannte, dann all die Mitarbeiter von Zulieferern, die Ladenbesitzer der Umgebung, die Opelhändler und so weiter und so fort. Da kommen Zahlen zusammen, die in der Summe ein enormes Aggressionspotential beinhaltet.
Opel ist ein Dominostein, ein realer und psychologischer. Wenn der fällt, dann ist das Ende der Kettenreaktion nicht abzusehen, besonders in einem aufgeheizten Wahlkampfklima.
Ich bin schon seit Monaten sehr pessimistisch, was die wirtschaftliche Zukunft anbelangt. Alle Firmen haben inzwischen ihre Entlassungspläne ausgearbeitet, haben Szenarien in den Computern abgespeichert für den Fall, dass der Verkauf ihrer Produkte in den nächsten Monaten um 25, 30 oder gar 50 Prozent fallen werden.
Die erste Phase der Kurzarbeit geht nach den Sommerferien zu Ende. Im Herbst rollt die grosse Entlassungswelle auf uns zu, auch in der Schweiz.
Wenn die Konjunkturforscher mit einer Arbeitslosenquote von über 5 Prozent rechnen, dann müssen wir ins Jahr 1997 zurück. Damals betrug die Arbeitslosenquote 5,2 Prozent. In Zahlen werden wir jedoch mehr Arbeitslose haben als damals, weil in den letzten Jahren die Zahl der Beschäftigten stark angestiegen ist.
Wenn man sich umhört und Informationen auf ihren Kerngehalt interpretiert, dann muss man davon ausgehen, dass wir eine Prozentzahl erreichen werden, wie sie die Schweiz noch nie gesehen hat. Derzeit sickert die Erkenntnis, dass wir die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten haben, tropfenweise ins Bewusstsein ein.
Aber eigentlich kann sich kaum jemand ein Worst-case-Szenario vorstellen. Aus dem einfachen Grund, weil den beiden derzeit aktiven Generationen jegliche Erfahrung für ein solches abgeht. Wir wissen schlicht und einfach nicht, wie man mit einer tiefgreifenden wirtschaftlichen- und damit auch gesellschaftlichen Krise umgehen muss.
Ablesen kann man das an den Politikern, die uns täglich ihre Hilflosigkeit vor Augen führen (das ist kein Vorwurf). Irgendwie läuft derzeit alles aus dem Ruder. Die ehrlichste Antwort erhielten wir diese Woche von einem Chefbeamten des Bundesamtes für Sozialversicherungen. Er gestand ein, dass man die Kontrolle über die Gesundheitskosten verloren habe.
Geradezu symbolischen Charakter hat der Abgang von Christian Gross beim FCB. Als er seinen Job antrat, lag die Arbeitslosenquote bei 2.7% und noch im Winter 2008 betrug sie 2,6% und es ist trotz kurzzeitiger Dotcom-Blasen-Delle stetig aufwärts gegangen, in den letzten zehn Jahren. Auch beim FCB.
- 6.0
- | Kategorie: Politik
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Kommentare
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Die Opelwerke stellen kein Klumpenrisiko dar
- Von: odin
- , 01. Juni 2009,
- 00:09
Im Herbst werden zweifellos die Arbeitslosenzahlen rasant ansteigen. Dabei zeugt es auch von absoluter Dummheit, dass die Schweizer erst kürzlich den Freien Personenverkehr erweitert haben. Trotz Rezession strömen immer noch zu viele Ausländer ins Land.
Es ist ja wunderbar wie hier wieder bei Opel nach Staatsintervention gerufen wird. Von woher aber soll der Staat bei diesen leeren Staatskassen das Geld erholen? Woher nehmen und nicht stehlen? Der Staat muss sich zuerst einmal weiter verschulden. Die Ausgaben von heute sind dann die Steuern von morgen. Aber Hauptsache wenn man die Krankheitssymptome immer mit Geld bekämpft.
Man schafft sich einfach gefährliche Präzedenzfälle mit solchen Interventionen. Ein Staatsbankrott ist schlussendlich das grössere übel, als wenn einige für die Volkswirtschaft unbeutendere Firmen Pleite gehen. Die knappen Staatsgelder die dann zu lebenserhaltenden Maßnahmen gepumpt werden, stehen in keinem Verhältnis zur volkswirtschaftlichen Bedeutung solcher Firmen. Dafür geht dann der Staat bankrott.
Die Opelwerke stellen auch kein Klumpenrisiko für die deutsche Volkswirtschaft dar. Es handelt sich hier nicht um einen Großkonzern, der eng in die Volkswirtschaft integriert ist und für die KUM's Kredite vergibt. Ohne diesen Stellenwert und mit nur " 25 000 " Beschäftigten müssen die Opelwerke und deren Zulieferer den Gesetzen der Marktwirtschaft unterliegen. Versäumnisse und Fehler dürfen nicht mit Steuergeldern korrigiert werden. Auch darf der Staat bei einem schwer kranken Patienten keinen Druck ausüben auf Investoren und Banken ( siehe Jacob Holzmann).
Auch gemessen an der Bevölkerung und der derzeitigen Arbeitslosenquote sind die 25 000 Opelarbeiter und deren Zulieferer nicht zu überschätzen. Wobei natürlich jeder Arbeitsloser einer zu viel ist. Aber in NRW haben z.B in den letzten Jahren auch 25 000 deutsche Metzger wegen der Ostzuwanderung ihre Jobs verloren. Das gleiche erlebte das Ruhrgebiet in der Krise mit seinen Berg- und Stahlarbeitern. Deswegen ist die Gegend aber nicht zu Grunde gegangen. Dafür entstanden viele neue Industriezweige im solar- und alternativen Energiebereich. Der Opelstandort muss sich dann halt auch neu orientieren. Das Opel in der heutigen Form nicht zukunftsfähig ist war schon lange vor der Krise klar.
Die Büchse der Pandora ist nun jedenfalls geöffnet. Ökonomisches Denken wäre hier viel wichtiger, als mit Opel und billigen Populismus einen Wahlkampf zu bestreiten. Mit der gleichen Anbiederung wurde schon mit den VW-Werken in Wolfsburg Wahlkampf betrieben. Die Wahlen wurden so zwar gewonnen, die strukturellen Probleme blieben aber bestehen.
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Re: Es kommt viel schlimmer als derzeit gefühlt
Ich kenne das aus einem Betrieb resp. Konzern aus nächster Nähe: Die Sanierer (aus dem Ausland) entlassen pro Tag 2 bis 4 Mitarbeiter - per sofort. Innert 1 Stunde müssen die Leute das Büro räumen. Und die Angst geht um, der oder die nächste zu sein. Das Arbeitsklima ist unvorstellbar schlecht, da wird nur noch rumgeschreit... Schlicht grässlich.