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China koppelt sich von Europa ab
Von M. M., 20. November 2007 – 09:45:00
Während die Wirtschaftswelt gebannt auf die Immobilienkrise in den USA schaut, scheint sich in der anderen Richtung, in den Wirtschaftsbeziehungen mit China, ein dramatischer Wandel abzuzeichnen.
Der könnte sich viel nachhaltiger auf unsere Konjunktur und unser Wirtschaftswachstum auswirken als die US-Krise: Die Exporte aus Europa in das Land der 1,3 Milliarden Konsumenten ist in diesem Jahr um 25 % eingebrochen. Die New York Times schreibt dazu:
Over the last three months, China imported an average of $9.7 billion a month from Europe, a figure that was almost 5 percent lower than imports in the same three months of 2006. It was China’s biggest year-over-year decline in imports from Europe since 1998, when China was only a marginal presence in world trade, rather than the dominant force it has become.
Dieser Einbruch wird durch das steigende Handelsdefizit zwischen Europa und China reflektiert, das allein in den letzten zwölf Monaten um 138 Milliarden Dollar gestiegen ist.
Quelle: New York Times
Ein Auslöser für diesen Einbruch ist im Höhenflug des Euro zu suchen, der sich gegenüber dem Yuan um 7,6 % verteuerte. Aber die New York Times nennt noch einen weiteren Grund, der uns zu denken geben muss: Wir haben China die für den Aufbau seiner Industrie benötigten Maschinen und Ausrüstungen geliefert und auch das Know-how. Mehr brauchen die jetzt nicht mehr.
That may reflect a growing Chinese thirst for commodities, including food products and oil, and a declining appetite for the kind of machines that it once needed to gear up its industrial capacity.
Während noch Anfang des Jahrtausends rund die Hälfte aller Importe aus den USA, Europa und Japan kamen, machen sie jetzt nur noch ein Drittel aus, mit weiterhin fallender Tendenz.
At the same time, Chinese imports from the rest of the world — other than Europe, the United States and Japan — are growing at a rapid pace that seems likely to continue.
Die nächste Runde zeichnet sich bereits ab: Wir bilden in den westlichen Universitäten einen Teil der chinesischen Elite aus. In spätestens zehn Jahren werden diese die Schlüsselstellen in Forschung und Wirtschaft besetzen, auch bei uns. Gepaart mit den Staatsfonds des Landes können zudem gezielt Beteiligungen oder Übernahmen von Firmen quasi aus der Portokasse zugekauft werden, die in die weitere Wachstumsstrategie des Landes passen.
Die Europäer sollten die historische Dimension dieses Wandels nicht ausser Acht lassen. China geriet mit der Mandschu-Dynastie (1644 bis 1911) durch eigenes Verschulden und durch die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit der Europäer in einen Abwärtssog. Damit ist es jetzt vorbei. Dieser als Demütigung empfundene Abstieg ist im kollektiven Bewusstsein tief verankert.
Credits: Marian Wirth (51%, das reicht)
- 4.0
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Kommentare
Kommentare als RSS-Feed
Kanibalisierungserscheinungen?
- Von: Fei Ling
- , 20. November 2007,
- 17:18
Kanibalisierungserscheinungen sehe ich nicht in China, sondern bei uns: Wir schaffen nicht mehr Wohlstand, sondern zerren davon. Wieso eigentlich stört sich niemand daran, dass unser Land nach hinten durchgereicht wird?
Kürzlich in der "Weltwoche": Belgien ist etwa gleich reich wie die Schweiz!
Wir alle wissen doch, dass wir über unseren Verhältnissen leben. Erst kürzlich war zu lesen, dass man blöd ist zu arbeiten, der Sozialstaat sorgt für alles. Nur: Wer bezahlt das? Sicherlich nicht die Chinesen, sicherlich nicht die paar wenigen Schweizer, die noch arbeitswillig sind. Übrig bleibt ein Lumpenstaat.
Re: Kanibalisierungserscheinungen?
- Von: aísthesis
- , 20. November 2007,
- 21:49
Absolut einverstanden. In China, wie auch in Indien und seinen Nachbarn, ist Alles unter Kontrolle ... anders eben als hier.
Und nun?
- Von: Fei Ling
- , 20. November 2007,
- 12:46
Und was unternehmen wir nun?
Da unser Sozialstaat nicht mehr lange aufrechtzuerhalten ist, ist ein Leben in Armut keine ernsthafte Option.
Das Leben in Armut
- Von: Osservatore Profano
- , 20. November 2007,
- 13:18
ist nicht nur eine Option, sondern entspricht den Wünschen von mindestens 50% der europäischen Bevölkerung, nämlich all Jenen, welche dem naiven Glauben anhängen, dass sich mit friedlicher oder auch gewaltsamer Umverteilung von Eigentum alle Probleme lösen lassen.
Da unsere Bildungssysteme immer weniger Nachwuchskräfte in Naturwissenschaften und Technologie hervorbringen und nur noch die Sozialwissenschaften aufgerüstet werden, und da voraussichtlich längstens in 25 Jahren China überhaupt nicht mehr auf irgendwelchen Know How, Güter und Dienstleistungen aus Europa angewiesen sein wird, werden sich die differenzierteren und sensibleren Individuen in Europa vermutlich wieder in Bettelorden in der Nachfolge Franz von Assisis organisieren, während sich die grobschlächtigeren Figuren an Lebens- und Verhaltensmuster à la Mad Max orientieren werden.
Auf jeden Fall dürfen wir mit einer Neuauflage des Mittelalters in Europas rechnen.
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Manfred Messmer ist seit 1986 Berater für strategische Kommunikation und war zuvor während zwölf Jahren als Journalist tätig.
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Hegel'sches Gesetz
Es gibt ein Gesetz, das bei Hegel so oder ähnlich nachzulesen ist: Alles was der Mensch absolut setzt, zerstört sich durch dieses Absolutum.
Das dürfte auch bei der Marktwirtschaft sein, die bereits nach wenigen Jahren, wie sich im Fall China zeigt, Kanibalisierungserscheinungen aufweist.
Apropos Mittelalter, Franz von Assisi und so: Das hegelsche Gesetz ist ein christliches, also gut 2000 Jahre alt. Nur hattte dies der Philosoph selber nicht bemerkt.