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Deutscher Secondo

Ich gebe es zu: Ich bin ein Fan von Constantin Seibt. Der schreibt beim Tages-Anzeiger und wäre, wenn er nicht als Journalist sein Brot verdienen müsste, auch ein ausgezeichneter Blogger.

Heute hat er sich mit einer Frage auseinandergesetzt, die eigentlich ein Tabu ist: wie es sich fühlt, als deutscher Secondo in der Schweiz.

Ich meine, bei den Italienern und Spaniern und Portugiesen und Türken und Albanern ist die Ausgangslage klar: Sie schauen in den Spiegel und wissen, dass sie keine Schweizer sind. Sie sprechen untereinander weiterhin die Sprache ihrer Väter. Aber wir deutschen Secondos, wir sprechen Schweizerdeutsch ohne Akzent und hören die Sprache unserer Mütter in der ARD und im ZDF.

Der Anpassungsdruck - und da streifen wir die aktuelle Diskussion - ist für Deutsche einiges grösser als für die Einwanderer siehe oben. Zumindest war der Anpassungsdruck in den fünfziger und sechziger Jahren recht stark.

Meine Lederhosen, mit denen ich eingewandert bin, wurden bald einmal entsorgt und gegen schwarze kurze Hosen aus Manchester getauscht, was wiederum meinen Vater irritierte, hatte er doch dieses Modell in der Hitlerjugend getragen.

(Ich erinnere mich an diesen Deutschen in Sirnach (TG), der für die Gartenarbeit seine braunen SA-Hosen trug, was lediglich meine Eltern empörte.)

In der Schule war es dann schon so, dass ich persönlich am Ausbruch des 2. Weltkriegs Schuld war, die Aktivgeneration waren unsere Lehrer und auch die Klassenkameraden(!) waren durchwegs auf der Seite der Siegermächte. Auch Herr Knutti, der als General die Schweizer Militärflugzeuge übernahm, als man sich endlich getraute, die Flugwaffe in Luftwaffe umzubenennen.

Nein, wir Deutsche sind anders. Wir haben andere Familiengeschichten, sind auf eine ganz andere Art Europäer. Nämlich nicht mit Abseitsstehen, sondern immer mitten drin in der Geschichte.

Ich habe lange Zeit angenommen, meine direkte Art, die Dinge zu beurteilen und Entscheide zu fällen, seien sehr persönliche Charaktereigenschaften. Doch ein Deutscher sagt nun mal Ja oder Nein, wenn er Ja oder Nein meint.

Wenn ein Schweizer Nein meint, dann sagt er: Ich finde das eine gute Idee, aber könnte man nicht.... Oder: Haben Sie daran gedacht, dass.....

Bis ich vor paar Jahren, zur Einsicht gelangte: Ich bin Deutscher! Noch immer, auch wenn ich schon längst den Schweizer Pass besitze.

Herr Seibt hat mir heute also aus dem Herzen geschrieben:

Der Unterschied vom eingebürgerten zum geborenen Schweizer ist, dass diese ihre Familie ohne Katastrophen und ohne Politik begreifen können. Ich nicht. 

PS an Herrn Seibt: Auch meine Kinder zeigen ein paar gute deutsche Eigenschaften. 

 US Air Force

 

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Wer bin ich?

  • Von: Mittelmass
  • , 10. Februar 2010,
  • 15:59

"Bis ich vor paar Jahren, zur Einsicht gelangte: Ich bin Deutscher! Noch immer, auch wenn ich schon längst den Schweizer Pass besitze."

Ich glaube, die "Anderen" haben Sie zur Einsicht gebracht, Sie seien noch Deutscher. Die meisten Menschen definieren sich über ihre Umwelt, was schade ist.

Man ist das, was man ist. Also was man denkt, wie man sich verhaltet.

Und die Sprache spielt eine grosse Rolle. Mir sagte mal ein Slowake (ursprünglich, sonst Schweizer wie ich auch), ihr (gemeint waren die Türken) redet untereinander immer nur Türkisch, auch wenn jemand dabei steht der nichts versteht. Und er hatte Recht!
Die Tschechoslowaken und Ungarn taten dies aber nicht!

Vor vier Jahren, als in der Aula der Uni Basel eine Veranstaltung stattfand um an die Aufnahme der Ungarnflüchtlinge vor 40 Jahren zu Gedenken, sagte ein älterer Ungare/Schweizer in seinem typisch ungarischem Akzent auf Hochdeutsch, meine Kinder sind KEINE SECONDOS, sie SIND SCHWEIZER!

Dies würde ich einmal gerne von einem Albaner oder Türken hören!

Die Eltern definieren zum grössten Teil das Selbstbewusstsein ihrer Kinder. Sie sagen ihren Kindern, sie seien etwas Anderes (meistens etwas Besseres). Davon gilt es sich zu emanzipieren.

Früher fand ich es normal, wenn meine Kollegen mich vor den Sommerferien fragten ob wir in die Ferien nach Hause fahren würden. Heute ist es für mich befremdlich (bin aber in der Minderheit). Ich bin ja hier Zuhause.

Lieber MM, ich gebe es zu, ich weiss nicht wer ich bin. Und es stört mich nicht. Muss ich den mich einer Nation zuschreiben? Die Frage, "wer bist Du" oder "was bist du" ist eigentlich falsch. Man muss ja jeden Menschen einzeln anschauen.

Besser wäre es zu fragen: "Welchem Kulturkreis gehörst du an?" Dann könnte ich ohne zögern sagen: "Der schweizerisch-westlichen-amerikanische... Kultur". Aber man will ja Schubladisieren und solch eine Schublade hat sicher niemand. Wäre interessant zu wissen wo man mich nach solch einer Antwort hineintun würde...

Die Kritikfähigkeit ist auch ein guter Indikator um jemanden einordnen zu können, sei es Selbstkritik oder Fremdkritik.
Auf jeden Fall empfinde ich nichts dabei wenn ich die CH kritisiere. Kann ich knallhart machen, objektiv, ohne Ressentiments. Ich kann aber auch die Türkei genauso kritisieren. Das ist, denke ich, ein guter Massstab, um zu sehen, ob jemand objektiv ist.

Und Sie, Lieber MM, können ja auch ohne rot zu werden Deutschland kritisieren, oder?

einfach interessant..

  • Von: Bern-i
  • , 11. Februar 2010,
  • 11:43

Mittelmas finde ich echt interessant, brilliant.
Zu dem "wer bin ich". Ich mache mir ein 'Spass' (Vergnügen, innerliches Interesse) daraus, Menschen, Kopfformen (Physiogn..) zu analysieren. Und da stosse ich jeweils auf echt interessante Dinge. z B in Istanbuhl stiess ich auf einen blonden, blauäugigen Manager in unserem Konzern. Türke. Ich diskutierte mit ihm, befragte ihn (wir verstanden uns echt gut).. und er sagte mir dann überraschend: na ja, es gab vor vielen Jahrhunderten Völkerwanderungen von Schweden her... Alles klar.
In Melbourne (Victoria) traf ich auf einen jungen Juristen - der glich doch auf den Tupf einem Süditaliener. Wir diskutierten: ja seine Eltern waren in dern 50ern von dort nach Downunder ausgewandert. Dass er so wie 'der Bruder eines meiner Lehrlinge' (auch vom Stifel rauf kam sein Papa) aussah, das verblüffte mich innerlich. Und wenn 20'000 km weit weg geboren bist. Er wollte mir dann die italienischen Stadtteile von Melbourne zeigen (nebst einem wundervollen Weingebiet neben Melbourne). Analog in New York.

In diesem Sinen bleiben Kopfformen, Haarfarben, Augen über Jahrhunderte aber vom Herzen ist man 'ein Australier, ein Amerikaner, ein Türke, ein Italo usw'. Hier in Basel aber haben wir seit Jahrhunderten eine Menge 'Deutsche, Franzosen' (Sarasin, Morin, Calvin, Ringier, Bächle u v m). Und sie sind 'enorm intensiv Schweizer' (manchmal mehr als andere hier schlangenhaft sich hin und her wendende...)

ich freu mich auf Ihren nächsten comment ;-)

Ja ist ja, nein ist nein

  • Von: Markus
  • , 10. Februar 2010,
  • 13:46

"Wenn ein Schweizer Nein meint, dann sagt er: Ich finde das eine gute Idee, aber könnte man nicht.... Oder: Haben Sie daran gedacht, dass..."

Mit Verlaub, das trifft auf mich nicht zu... und auf viele andere Helvetier ebenso wenig. Und umgekehrt gibt es sicher auch Deutsche, auf die es zutrifft.

Allerdings wird derart unsinnige political oder social correctness in Kursen zur Steigerung der sozialen Kompetenz in Deutschland und in der Schweiz gelehrt und gelernt.

Ich hasse es, wenn einer sagt, "ich würde meinen...". "Meiner Meinung nach..." geht gerade so durch. "Ich bin der Meinung, ..." ist ok.

Das Ganze hat wenig mit Schweizer vs Deutsche zu tun. Voià, so ist das!

Stimmt aber genau

  • Von: LINDER
  • , 10. Februar 2010,
  • 22:25

"Ich finde das eine gute Idee, aber könnte man nicht.... "
Ist gut getroffen. Hoert man in der CH haufenweise, vor allem in politischen Zirkeln. Es ist fuer mich manchmal richtig befreiend, wenn es dann auch Leute gibt, die einfach sagen: "So ein Bullshit.."

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