Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten

Ich werde kein Wort verstehen

Eben hatte ich ein längeres Telefongespräch mit einer holländischen Journalistin von De Telegraaf zu den Wahlen in der Schweiz. Wir haben über die Hintergründe des Erfolgs der SVP diskutiert und auch über das ominöse Plakat. Meine Interpretationen sind wohl ziemlich anders, als die, welche sie bis anhin gehört hat. 

Zum Beispiel zum Plakat, das seit gestern mit der Einstellung des Strafverfahrens der Zürcher Staatsanwaltschaft nicht mehr als "rassistisch" (Interpretation SP/Grüne) gilt. Da bin ich der Meinung, dass das Bild von den ausländischen Gesetzesbrechern in Schweizer Gefängnissen (Interpretation SVP), auch ohne Plakat derart stark im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, dass es keiner anderen Emotionalisierung bedarf, also keiner plakativen Schwarzmalerei.

Ähnlich wie die Grünen durch den täglichen Wetterbericht und Nobel-Preisverleihungen, wird die SVP durch die tägliche Polizeimeldung bestätigt. Die in Rekordzeit zusammengetragenen Unterschriften zur sogenannten „Ausschaffungsinitiative“ zeigen, was "das Volk" bei diesem Thema denkt (das Verflixte ist, dass in solchen Fällen niemand genau weiss, was zuerst war: das Huhn oder das Ei). 

Für mich ist Herr Blocher auch nicht rechtsradikal einzuordnen, das Mussolini-Bild und die Hakenkreuzschmierereien völlig schiefe Kommentierungen. Es ist zwar aus linker Sicht durchaus statthaft, ihn in die Nähe eines Herrn Haider oder Le Pen zu rücken. Das gehört zum Wahlkampf und motiviert das eigene Lager. Aber das greift zu kurz.

Herr Blocher ist, wie es der Spiegel treffend schreibt, neoliberal und volkstümlich zugleich, - ich ergänze - ein europäischer Konservativer. Wenn schon ein Vergleich, dann könnte man ihn in die Reihe von Franz Josef Strauss und Frau Thatcher stellen. Letzterer ist das gelungen, was Herr Blocher anstrebt: Das sozialdemokratische Jahrhundert (Definition Ralf Dahrendorf) auch in der Schweiz zu beenden.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der CVP, der SP und der FDP zur SVP besteht darin, dass die SVP eine Partei der 90er Jahre ist. D.h.,  sie hat sich, wie die Schweizer Wirtschaft, in einem schmerzlichen Anpassungsprozess (Stichwort marktwirtschaftlich orientiertes Obristenkartell) vom Politkartell verabschiedet und zum Wettbewerbssystem gewechselt.

Vergleicht man den Wahlkampf der SVP mit anderen (konservativen) europäischen Parteien, dann kann man festhalten, dass sie, was die Professionalität ihres Wahlkampfs anbelangt, europäisches Niveau erreicht. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Sie wird mir den Artikel zuschicken. Und ich werde kein Wort verstehen.

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Ob Links oder Rechts: Ziel ist eine Kommandowirtschaft

Das grosse Missverständnis in diesem Wahlkampf liegt am doppelten Newspeak der beiden politischen Pole, welche uns als Alternativen eine sozialistische oder dann eine kapitalistische Kommandowirtschaft versprechen, aber sicher keine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im klassischen Sinne.
Anrüchig bleibt der Text zwischen den Zeilen. Es wird versucht, die Wähler mit den übelsten Verdächtigung gegenüber der Gegnerschaft abzuholen und das nennt der Marketing-Spezialist dann europäisches Niveau, andere finden es fein, dass wir schon so gut amerikanisiert worden sind.
Das Schafplakat wird mit all seiner gewollten Zweideutigkeit und Provokationskraft dann einem guten Zweck gedient haben wenn niemand mehr Lust hat, sich mit einem der Schafe zu identifizieren.
Weder ein nach dem Blocher-Prinzip geführtes, gefügiges und autoritätsgläubiges SVP-Schaf, das ohne es zu ahnen noch zu wollen, auf der Nationalflagge herumtrampelt, noch eines der solidaritätsschwangeren oder lammfrommen weissen Schäflein im linken Gehege. Obwohl nun amtlich festgestellt worden ist, dass ein schwarzes Schaf kein dunkel pigmentierter Mensch sein soll - und dies von der SVP prompt zur Ehrenrettung benutzt wird, hat wohl niemand Lust, als "das schwarze Schaf" dazustehen, ausser vielleicht dem Verfasser dieser Zeilen.
Dem Grafiker des Schafplakats würde man deshalb im günstigsten Fall, sofern der Souverän die Zeichen der Zeit versteht und sowohl der Linken wie der SVP die gelbe Karte gezeigt haben wird, mit Goethe zurufen können: "Ich bin ein Teil der Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft..." (Mephisto in Faust I)

Re: Ob Links oder Rechts: Ziel ist eine Kommandowirtschaft

  • Von: aísthesis
  • , 16. Oktober 2007,
  • 17:43

umso besser doch für uns, pregiatissimo Osservatore! Wenn, wie Sie richtig konstatieren, die Qualität der Konkurrenz ein Desaster ist, wenn die Konkurrenz offenkundig ein non valeur war und ist!

Um beim 'Hamburger' zu bleiben: Die Politik dieses Landes scheint ihr gesamtes Kapital, ihre komplette Energie in die Kommunikation der Botschaft zu investieren, wie ungeniessbar der Burger doch sei, den die Konkurrenz anbietet ... und den die Konsumenten wonnig kaufen und verspeisen.

Wenn wir dem Urteil der Konsumenten nicht vertrauen, werden wir kaum seines Vertrauens für würdig befunden ...

Re: Re: Ob Links oder Rechts: Ziel ist eine Kommandowirtschaft

  • Von: Nachtrag
  • , 16. Oktober 2007,
  • 19:07

Sorry, das muss zum Schluss natürlich heissen: "... Wenn wir dem Urteil der Konsumenten nicht trauen, werden wir ihres Vertrauen s kaum für würdig befunden." Ich pflichte dem geschätzten Double M. bei. Politisch kohärente und marketingtechnisch kompetente Aktion ist gefragt, unabängig des Resultates nächsten Sonntag.

Die Liberalen haben, so meine Überzeugung, seit 2004 beinahe Alles, was es braucht, um zum nationalen Erfolgsmodell zu werden.

Daumen hoch!

  • Von: mds
  • , 16. Oktober 2007,
  • 16:06

Hervorragend auf den Punkt gebracht %u2013 wieder einmal!

SVP Coup 2007

  • Von: aísthesis
  • , 16. Oktober 2007,
  • 16:00

"Wenn schon ein Vergleich, dann könnte man ihn in die Reihe von Franz Josef Strauss und Frau Thatcher stellen". Sie meinen doch - ganz gewiss - punkto politischen Zielen, nicht punkto persönlicher politischer Qualität? FJS & MT: Das war politische Perfektion, vom Feinsten!

Apropos, geschätzter Double M. Was denken Sie, wird der Coup der SVP 07 sein, sollten die tatsächlich nochmals einige Mandate zulegen, der Freisinn um 6 einbrechen, die CVP nicht mehr als 2 zulegen und die Sozis signifikant unter 60 fallen? 3 Bundesräte und ergo implizit: Das Ende der SP in der Exekutive?

De Telegraaf

Nur laut vorlesen, dann klappt's auch mit dem Verständnis! ;)

Interessanter Beitrag

  • Von: Oli Garch
  • , 16. Oktober 2007,
  • 20:48

Ich finde Ihren Beitrag interessant und lesenswert. Ob Ihre Aussagen ggü. der Journalistin dann auch so im Artikel von "De Telegraaf" steht, ist eine andere Frage. Medienschaffende sind ein eigenwilliges Völkchen... Vielleicht publizieren Sie dann einen Link zum veröffentlichten Artikel, irgendjemand wird schon Holländisch verstehen.

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