Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten

Kürzt den Journalisten das Gehalt

Machen wir mal einen Moment lang Pause vom Kaffee. Was leicht zu sagen ist, nach einer Tasse von diesem Espresso Forte, den mir Herr Buser gestern in einer Probierpackung mitgegeben hat. Ich konnte nicht widerstehen. Leute, das war pures, unverfälschtes Italien, dass sich da in der Espressotasse gesammelt hat.

Unaufgeräumt

Also Pause vom Kaffee, hin zu einem drängenden Problem: Die Krise der Zeitungen.

Liebe Leser, so ganz unter uns, weshalb ich durchaus ein paar Geheimnisse hier preisgeben kann. Wenn man Journalisten zuhört oder gar einen trifft, in seinen zumeist schlecht sitzenden Hosen, dem T-Shirt bis ins hohe Mittelalter, den ausgelatschten Schuhen, die seit dem Kauf nicht einmal eine Messerspitze Schuhcrème gesehen haben, wenn man also einen dergestalten Hüter der Demokratie trifft, dann steht man doch glatt unter dem Eindruck: Der Mann arbeitet für Gotteslohn (die Frauen erst recht, denn Journalistinnen werden wie alle Frauen etwas schlechter bezahlt).

Doch weit gefehlt. So ein Journalist ist gut bezahlt, fängt bei 70, 80'000 Franken an und kommt nach ein paar wenigen Jährchen im Dienst auf über 100'000 Franken und kann, wenn er etwas Job-hoppt gut und gerne 120, 130, 140'000 und mit Chefwürden ausgestattet auch etwas mehr heimtragen. Dazu kommen noch etliche Vergütungen, sogenannte Fringe Benefits, dazu Überzeit- und Abenddienst- und Wochenendkompensationen, sechs Wochen Ferien und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten: Journalisten sind, wenn man die Sozialleistungen noch hinzuzählt, für einen Verlag sauteuer, weil gegenüber dem Durchschnitts-verdiener überdurchschnittlich entlöhnt. Ja man könnte sie ohne weiteres den Bankangestellten der UBS zur Seite stellen.

Auf den Gedanken, dieses Tabuthema aufzugreifen, bin ich gekommen, als ich heute diesen wirklich lesenswerten Beitrag  "Why journalists deserve low pay" im Christian Science Monitor (Printeingabe wurde eingestellt und ist nun eine Online-Zeitung) las.

Dazu ein erstes köstliches Zitat in der Originalsprache, damit auch nichts vom Sound der Kapitulation vor dem Faktischen verloren geht.

Journalists like to think of their work in moral or even sacred terms. With each new layoff or paper closing, they tell themselves that no business model could adequately compensate the holy work of enriching democratic society, speaking truth to power, and comforting the afflicted. Actually, journalists deserve low pay.

Ein Nestbeschmutzer! Ein Häretiker! Ein Apollionarist! Zumindest ein Ketzer. Nein, es handelt sich um einen Professor für Media Economics (und Blogger), Robert Picard. Seine Begründung bringt es deshalb auf den Punkt:

Journalists are not professionals with a unique base of knowledge such as professors or electricians. Consequently, the primary economic value of journalism derives not from its own knowledge, but in distributing the knowledge of others.

Man kann hier einfügen, dass die meisten Journalisten überhaupt keinen Zusammenhang sehen zwischen ihrer Arbeit - dem Schaffen von Mehrwert für den Verlag, für den sie arbeiten - und ihrer Bezahlung. Eine solche Verknüpfung, meinen sie, könnte ihre innere Unabhängigkeit gefährden. Den Gipfel des Unabhängigkeitsolymps erreichen die Medienschaffenden der SRG, weil die aus Zwangssteuereinnahmen finanziert werden und sich überhaupt nicht um wirtschaftliche Zusammenhänge kümmern müssen. 

Doch es verhält sich halt auch im Newsbusiness wie auf dem Bau:

Well-paying employment requires that workers possess unique skills, abilities, and knowledge. It also requires that the labor must be non-commoditized. Unfortunately, journalistic labor has become commoditized. Most journalists share the same skills sets and the same approaches to stories, seek out the same sources, ask similar questions, and produce relatively similar stories….

So kommt es denn, dass die Leser der Zeitung zu irgendeiner Zeitung greifen können, sie alle behandeln die selben Themen vom selben Standpunkt aus. Am ehrlichsten ist im Grunde genommen 20Minuten. Die sind ohne Sendungsbewusstsein.

Across the news industry, processes and procedures for news gathering are guided by standardized news values, producing standardized stories in standardized formats that are presented in standardized styles. The result is extraordinary sameness and minimal differentiation.

Doch ob wirkliche Konkurrenz nochmals aufkommen wird, wage ich zu bezweifeln. Der Zug scheint aus wirtschaftlichen Gründen Richtung Tagi/Bund abgefahren zu sein. Auch aus dem Grund:

It is clear that journalists do not want to be in the contemporary labor market, much less the highly competitive information market. They prefer to justify the value they create in the moral philosophy terms of instrumental value. Most believe that what they do is so intrinsically good and that they should be compensated to do it even if it doesn't produce revenue.

Adapt or die

Kommentare RSS: title= Kommentare als RSS-Feed

Es hilft jedoch beim Denken,

zwar sehr wohl um wirtschaftliche Zusammenhänge zu wissen, aber sich nicht immer nur um sie kümmern zu müssen. Ehrenwort! Ich weiss, wovon ich sprech, denn ich wohne im "Unabhängigkeitsolymp"! Und bin allen dankbar und verpflichtet, die mir meinen Lohn über "Zwangssteuereinnahmen" finanzieren.
Uebrigens, vom Kopf auf die Füsse gestellt, müssten Sie erst die Köpfe der Chefredaktoren verlangen, bevor Sie Lohndrückern applaudieren. Denn bei Lichte betrachtet tragen jene die Verantwortung für die Leistung ihrer Mannschaft. Zumindest beim Fussball läuft's ja eher so rum...

arlington reloaded

  • Von: Thomas Loser
  • , 25. Mai 2009,
  • 16:21

Es gleicht schon selbstgefälliger Saturiertheit zwischen zwei Extremen - Journalisten in schlecht sitzenden Hosen, die mehr als 100.000 Franken verdienen - die Krise der Zeitungen salopp und primär auf die Ursache Journalisten zu reduzieren. Die angesprochenen und kritisierten Sozialleistungen gehören zu einer aussterbenden Leistungsspezies. Die Umgehung von kollektivvertraglichen Vereinbarungen ist dagegen Alltag im Mediengeschäft. In diesen vollgefüllten, scheinfaktischen Rucksack mit Vorurteilen gesellt sich dann noch die Überheblichkeit der Alphabetisierung: da der Mensch als Kind schreiben und lesen lernte, ist ihm die Aufgabe zuteil, die Arbeit von Journalisten nach gutdünken zu analysieren, zu zerpflücken und die Welt ohnehin besser als die, so wie sie Robert Picard "enttarnt", journalistischen Schein-Experten zu kennen. Picards Interesse hinter seiner "Kritik" offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Als Medien-Ökonom sind Picard Journalisten herzlich egal. Wenn die Zeit opportun ist, um "Kosten-runter" zu predigen, wird auch ein Herr Picard nicht davor zurück schrecken, mit dem Hinweis auf allerlei Ethik und fehlendem Werteverständnis, Journalisten als rückgratlose, unmoralisch, hohe Fixkosten verursachende Wertevernichter zu brandmarken.

Sowohl Herr Picard als auch die identitätskrisen-geschüttelten Blog-Kritiken am Journalismus sind nicht dazu angebracht den Journalismus zu verbessern, da man dem Nachwuchs sukzessive die Motivation, den Idealismus und die Leidensfähigkeit nimmt, um besseren Journalismus zu machen.

Sowohl Herr Picard als auch die identitätskrisen-geschüttelten Blog-Kritiker bestätigten Verlegern, dass sie scheinbar schlechte Mitarbeiter duchfüttern.

Und zu guter Letzt: der USA-Medienmarkt ist kein Printmarkt und inbesondere keine Tageszeitungsmarkt. Die europäische Printbrille bedient sich hier Stilkniffen. Die größte US-Tageszeitung erreicht in einem ungleich größeren Markt genauso viele Leser wie die deutsche Bild-Zeitung.

Picards Kritik, weil sie wie das Hemd gut zur Krawatte passt, in das eigene Opportunismus-Repertoire zu integrieren, ist gefälliger Blog-Fundamentalismus.

Heutige Journalisten sind unfähig

  • Von: Robert Schiess
  • , 21. Mai 2009,
  • 18:58

Das alles hat begonnen mit dem sog. "New Journalisme", der nicht mehr das Fachwissen und die Kenntnis einer Sache voraussetzte, sondern der sich begnügt, süffisant zu schreiben - und so sich stetig vom Thema entfernte.
Bestes Beispiel dafür ist das früher TAGMAGI (70er Jahre) genannte, heute MAGAZIN umbenannte Journaille - eigentlicht ein Blatt, auf das man liebend gerne verzichten kann.
Heute geht es beim Journalisten nur noch um das Abschreiben der Medienmitteilung. Eigene Gedanken sind nicht mehr gefragt. Und das höchst der Geühle eines Journalisten ist es, eine Frage zu stellen. Also ob der Antworter/die Antworterin mehr Wissen/Kritik/Sachkenntnis mit sich bringen kann, als der Journalist es mitbringen müsste.
Heutiger Journalismus ist nur noch billiger Abklatsch der Forderung, die ihm die Aufklärung zugewiesen hat.


Ist leider so...

Leider ist es aber auch so, dass das scheinbar die meisten nicht interessiert. Man will lieber etwas süffiges zum Lesen, sprich zum Zeitvertreib. Das "20 Minunte" passt darum gut, vor allem weil es gratis ist.
Journalisten, die hinterfragen oder unangenehmes ansprechen, sind nicht (mehr) gefragt.

Backlinks

zurück zur Übersicht

arlesheimreloaded.ch [Logo]
  • URL: http://arlesheimreloaded.ch/article/journalist-einkommen-tabuthema-kaffee
  • Stand: 21:58:38 - 11.03.2010

© 2010, Arlesheimreloaded.ch