Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten

Und gib uns unseren samstäglichen Binswanger

Journalisten haben es heutzutage auch nicht leicht. Den Verlagen geht es schlecht (BaZ ein Minus von 12 Mio. Franken). Das kostet Arbeitsplätze.

Um zu überleben, muss man als Journalist entweder erben oder sich unentbehrlich machen.

Im zweiten Fall gilt es also sich ein Thema unter den Nagel zu reissen, das - ob Hochkonjunktur oder Wirtschaftskrise - immer aktuell bleibt. Überdies sollte das Thema mobil sein, sodass man es, wenn man zur Konkurrenz wechselt, mitnehmen kann.

Das Thema muss Emotionen tütschen, die Interessen einer möglichst breiten Leserschaft bedienen, immer aktuell sein und - ganz wichtig - aus höherer, distanzierter Warte betrachtet werden. Und zuguterletzt sollte sich der schreiberische Aufwand in Grenzen halten.

Es gibt nur ein Thema, das als Geschäftsmodell Potenzial verspricht: DIE SCHWEIZ.

Denn die Schweiz wird noch auf Jahre hinaus weiter existieren, interessiert alle, die hier leben. Dieses Thema beinhaltet die ganze Breite des journalistischen Spektrums. Und sollte sie dereinst widererwarten doch untergehen oder sich - noch schlimmer - der EU anschliessen, auch dann hat man als Journalist thematisch ausgesorgt.

Daniel Binswanger, journalistisches KMU

Daniel Binswanger, Samstagskolumnist und journalistisches KMU, hat dieses Thema besetzt. Ein easy Job, den man von Paris aus erledigen kann.

Denn das Strickmuster seiner Beiträge ist wie bei jeder Soap Samstag für Samstag dasselbe: Die Schweiz hat auch diese Woche wieder Mist gebaut und ich sage Euch jetzt, wie man es besser machen könnte. Aktuelles Beispiel:

Sarkozy und Schäuble haben eine durchdachte Islam-politische Strategie. Sie wissen, was sie tun. Wir Schweizer hingegen verzetteln uns in schäumenden Scheingefechten. Es gäbe wahrlich Sinnvolleres.

Die thematische Zuverlässigkeit von Herr Binswanger ist gut. Denn so ein festes Handlungsmuster schliesst jede Irritation des Konsumenten aus. Und wie bei jeder Soap, kann man auch mal eine Folge auslassen und ist bei der nächsten sofort wieder mit dabei.

Man muss so eine Binswanger-Kolumne auch nicht von vorne bis hinten lesen, sondern kann sich irgendeinen Satz herauspicken und weiss dann ziemlich genau, was vorne steht und danach noch kommen wird.

Entweder Kolumne oder im Schuldienst versauern

Nun ist das bei den Soaps so, dass sie irgendwann mal abgesetzt werden, weil a) es die Zuschauer nicht mehr interessiert oder b) sich die Zeiten ändern. Dieses Schicksal wird die Binswanger-Kolumne nicht ereilen.

Sich an der Schweiz abarbeiten und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist ein angesehener Job für einen Intellektuellen, der ohne dieses sein Thema im Schuldienst versauern müsste.

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Blogger auch

  • Von: tin
  • , 24. Oktober 2009,
  • 11:12

Nun gut, da ist Herr Binswanger nicht allein - eigentlich, um ganz ehrlich zu sein, ist wohl die Mehrheit der Blogger im selben Spital krank - auch da wird immer und ewig geschrieben, was bei uns alles falsch läuft, was für doofe Politiker und Regierende wird hätten und wie man alles viel, viel besser machen könnte und müsste.

Klar, der grosse Unterschied zu den Journis ist, dass wir/die Blogger für Ihre Beiträge kein Geld kriegen. Aber vom Grundmuster her tönt das fast überall ziemlich oberlehrerhaft.

Re: Und gib uns unseren samstäglichen Binswanger

  • Von: Baresi
  • , 24. Oktober 2009,
  • 10:46

Bin ich ein Schelm, wenn ich ergänze: Er könnte dies auch in einem Blog tun (der auch anders als Parisreloaded heissen dürfte). Gut, einen Lebensunterhalt verdient man damit wahrscheinlich nicht. Oder besser, noch nicht?

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