Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten
"Politische Jungfrau"
Von M. M., 03. Januar 2009 – 10:15:00
Da hätte Herr Wachovsky seine helle Freude, wenn er das lesen täte: Die Medien, schreibt heute Leon de Winter in einem lesenswerten Essay auf WELT online "hielten das Bild von Obama als einer Art unbefleckter politischer Jungfrau, die das Heil bringen werde, aufrecht, als wären sie der verlängerte Arm seines Wahlkampfteams",
Obamas Laufbahn als Politiker begann in Chicago. Dass diese bemerkenswerte Vorgeschichte nicht zum Hindernis für seinen Triumph wurde, ist vielleicht die brillanteste Leistung seiner Wahlkampagne. Wer in Chicago Politik machen will, kann nicht ohne Rücksicht auf die spezifischen politischen Gegebenheiten in Illinois operieren. In Chicago kommt man als Politiker unmöglich sauber und unversehrt an die Spitze.
Illinois ist ein notorisch korrupter Staat, und die Demokratische Partei dort ist seit vielen Jahrzehnten in den Händen mächtiger Männer und deren Familien. Die unerbittlichen Herrscher in diesem Staat sind Richard Daley, Bürgermeister von Chicago, und Emil Jones jr., Senatspräsident von Illinois. Sie kontrollieren die Geldströme und die Vergabe öffentlicher Ämter. Und sie bestimmen, welcher junge Politiker Raum zum Wachsen bekommt und aus ihrem Futtertrog fressen darf. Obama ist ihr Produkt.
Leon de Winter ist ein holländischer Schriftsteller, Jude und ein streitbarer Geist. Ich habe vor einiger Zeit zwei seiner Romane gelesen, die mich aber nicht wirklich gepackt/überzeugt haben.
Für DIE WELT online hat er während einiger Zeit ein viel beachtetes Weblog (The Free West, leider alles deleted) geschrieben und was er da notiert hat, hat mich mehr interessiert, weil es über weite Strecken brilliant war. Seit geraumer Zeit lebt er in den USA, um dort, wie er in seinem letzten Beitrag schrieb, die Dinge kritisch zu beobachten. Er nimmt kein Blatt vor den Mund:
Es gilt als Akt hehrer Moral, einen Schwarzen zu wählen, wie es auch von hehrer Moral zeugt, Bush allen Übels auf dieser Welt zu bezichtigen. Das sind wohlfeile Gelegenheiten, zu reichlich billigem „historischen“ Gefühl zu gelangen: Wer einen unbekannten und unerfahrenen Schwarzen einer oder einem erfahrenen Weißen vorzieht, beweist sich und der Welt seine moralische Erhabenheit.
Erinnert irgendwie an das Märchen "Keiserens Nye Klæder" von Hans Christian Andersen.
- 4.0
- | Kategorie: US-Wahlen '08
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Manfred Messmer ist seit 1986 Berater für strategische Kommunikation und war zuvor während zwölf Jahren als Journalist tätig.
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