Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten
Parteien sind Wanderdünen
Von M. M., 13. März 2007 – 22:05:00
Schauen Sie, die Sache verhält sich so: Es liegt in der Natur der Sache, dass Politiker keine eigene Meinung haben. Ein erfolgreicher Politiker zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass er, auch ohne den feuchten Finger in die Luft zu heben, weiss woher der Wind weht. Das nennt er dann die Interessen seiner Wähler wahrnehmen. (Gilt auch für Frauen, ich fahre trotzdem in der männlichen Form fort.) Ein gewiefter Politiker ahnt also schon bei Beaufort 0, wo sich das nächste Lüftchen heben wird. Das nennt er dann Agenda Setting.
Eine politische Partei verhält sich wie eine Wanderdüne. Zuerst sind es nur einzelne Sandkörner, dann ein paar mehr, bis sich schliesslich mit dem aufkommenden Wind die erste Düne in Bewegung setzt. Und die nächste und die nächste und die nächste. Bis der Wind sich wieder legt. Am liebsten ist den Parteien aber ein richtiger Sturm. Da können sie mächtig herum wirbeln, werden in sonst unerreichte Höhen hochgetragen und können dabei mächtig viel Staub aufwirbeln.
So lässt es sich denn auch relativ leicht erklären, weshalb Politiker aller Parteien sich immer wieder zur gleichen Zeit ins selbe Thema festbeissen. Vor Wahlen ist die hohe Zeit der Wanderdünen, quasi die eigentliche Wanderdünensaison. In der Schweiz ist es jetzt wieder soweit.
Und wie gerufen, hat sich diesmal nicht bloss ein laues Windchen erhoben, sondern, den unbekannten Mächten sei's gedankt, gerät das gesamte Klimagefüge ausser Rand und Band. Wird behauptet. Noch fünfzehn Jahre bleiben uns, dann geht die Welt unter. Welch ein Sturmwind, der da anhebt!
Es geht um die Deutungsmacht des mächtigsten aller archaischen Symbole: des Wetters. Jeder Regenschauer ist nun ein Anzeichen. Jeder milde Winter ein Menetekel. Jeder Sturm ein Armageddon. Wer DIESE Angst beherrscht und funktionalisieren kann, verfügt über den zentralen Code der Menschheitsängste. Im Namen dieses Traumas haben sich ganze Kulturen in den Abgrund gestürzt. Wie etwa die Maya, deren mächtige Priesterkaste immer blutigere Opferrituale zelebrierte, um die gnadenlosen Wetter- und Naturgötter zu besänftigen. (Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx in der WELT ONLINE)
Also warten wir ab, bis sich der Sturm gelegt hat. Wenn alle in eine Richtung treiben, dann muss man ja nicht auch noch hinterher rennen.
- 4.0
- | Kategorie: Wahlen '07
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Kommentare
Kommentare als RSS-Feed
Sandsturm in dern Mitte
- Von: Politicus
- , 14. März 2007,
- 14:06
Ich sehe das auch so wie gbsn. Extrem auf der Wanderschaft befindet sich derzeit die CVP. Die Liberalen, die heute hier offensichtlich frei genommen haben, sind auch recht wetterfühlig. Aber der Text, ich gebe es zu, liesst sich süffig. Nebenbei: Ruedi Rechsteiner ist mit seinem Sendungseifer im linken Lager nicht unumstritten. Weniger wäre manchmal etwas mehr.
Gratwanderung
- Von: Tiffany
- , 14. März 2007,
- 08:25
Wie alles im Leben ist es eine Gratwanderung, zu welchem Thema man wann und wie und ob überhaupt Stellung bezieht. Sich im Hintergrund zu halten heisst nicht, keine Meinung zu haben und ist vielleicht (ab und zu) intelligenter und bescheidener. Aber es ist anscheinend ein "must" möglichst laut und medienwirksam Antworten zu geben, zu denen die Fragen noch nicht ausformuliert sind. Es ist den Menschen nicht wohl, mit der Ungewissheit in die Zukunft zu denken. Obwohl das behutsam Vortastende weniger Schaden anrichtet als das ungestüm, mit Scheuklappen versehene Vorpreschen... In diesem Sinne wünsche ich allen offen Ohren, einen wachen Geist und vor allem einen gesunden Menschenverstand.
P.S. an M.M. Emanzipation findet nicht in den weiblich ausformulierten Texten statt - meine Generation ist emanzipiert im Sinne von selbständig fühlend, denkend und handelnd; das nennt man Eigenverantwortung ;-)
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Manfred Messmer ist seit 1986 Berater für strategische Kommunikation und war zuvor während zwölf Jahren als Journalist tätig.
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Wirklich alle?
Ihrer Generalisierung kann ich nicht zustimmen. Beim konkreten Thema sind es nicht die oder alle Parteien, sondern va. das Mitte-rechts-Spektrum, welches "wanderdünt" (insofern verständlich der dicke Hals von Ruedi Rechsteiner). Aber solang's dem Umweltschutz dient und nach einem halben Jahr die grünen Mäntelchen nicht gleich wieder entsorgt werden, stehe ich der Wanderbewegung positiv gegenüber.