Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten
Frühstück mit Zeitung
Von M. M., 02. September 2009 – 09:38:00
Mein Job bringt es mit sich, dass ich mit Kunden und Kollegen über die Medien rede, auch über die Zeitungen. Erstaunlich dabei ist, dass ich niemanden kenne, der mit seiner Zeitung wirklich zufrieden ist.
Dieses Missvergnügen wird nicht wie früher politisch begründet, also damit, dass man mit dem Kurs seiner Zeitung, mit dieser oder jener Einschätzung in den Kommentaren nicht einverstanden ist. Der Unmut entlädt sich vielmehr an der Qualität des redaktionellen Teils, bei dem Argument also, mit dem die abonnierten Tageszeitungen ihren Preis rechtfertigen.
Nun ist es wahrscheinlich so, dass in den letzten Jahren der redaktionelle Teil der meisten Tageszeitungen gar nicht schlechter geworden sind.
Doch die Leser sind es, die sich verändert haben: Sie wissen einfach mehr als früher, zumindest die, welche sich noch eine abonnierte Zeitung leisten mögen. Niemand bezieht heute seine Information ausschliesslich noch aus der Tageszeitung, auch nicht aus Radio und Fernsehen.
Leser wissen mehr
Der heutige Leser kann sich derselben Quellen bedienen, wie die In- und Auslandsjournalisten auch und zumeist verfügt er über noch ein paar mehr, weil der an politischen und wirtschaftlichen Themen interessierte Zeitgenosse, was die neuen Medienwelt anbelangt, weitaus mehr auf der Höhe der Zeit ist, als der durchschnittliche Redakteur.
Und die Leser sind im Schnitt älter geworden, sehr alt sogar. Das Durchschnittsalter der Leser einer abonnierten Tageszeitung liegt heute bei rund 60 Jahren. Was bedeutet, dass ihr Wissensvorsprung auf den durchschnittlich jungen Lokalredaktor enorm ist.
Das Erstaunliche ist, wie wenig die Redaktionen auf ihre Kunden hören. Da werden zwar hin und wieder repräsentative Umfragen gemacht. Diese nimmt man zur Kenntnis und nimmt die Ergebnisse ins nächste Marketingkonzept auf. Aber am Produkt selbst ändert sich wenig, kann sich gar nichts ändern, weil es keine konservativere Berufsgruppe wie als die der Journalisten gibt.
Technische Revolution hat keine Spuren hinterlassen
Sie unterliegen dem fundamentalen Irrtum, dass die technische Revolution, die sie in den letzten Jahren durchlebt haben, aus ihnen Newsleute gemacht habe, die sich auf der Höhe der Entwicklung bewegen. Doch ihre Arbeitsmethoden und Arbeitsabläufe sind immer noch dieselben wie vor zwanzig Jahren, als ich aus dem Journalismus ausgestiegen bin. Und auch der zumeist eingeengte journalistische Blick hat sich in all den Jahren kaum erweitert.
Das fatale für die Verleger ist, dass Journalisten ihr Beharrungsvermögen auf überkommenen Inhalten als Zeichen von Qualität deuten.
Die Zeitung als Frühstücksbeilage
Ich habe derzeit noch vier Tageszeitungen und zwei Wirtschaftsblätter abonniert. Demnächst steht für alle die Abo-Erneuerung an. Nach der heutigen Lektüre muss ich einmal mehr ernüchtert feststellen, dass ich zur persönlichen Information keine dieser Printausgaben mehr brauche.
Ich habe sie nur noch, weil sie Teil meiner eigenen Insistenz sind: Ich frühstücke seit Jahren mit Zeitung.
Um das Resultat zu sehen, muss man abstimmen!
- 6.0
- | Kategorie: Medien
Kommentare
Kommentare als RSS-Feed
Grammatikfehler
- Von: Angus Shiley
- , 03. September 2009,
- 13:19
Sehr geehrter Herr Messmer, im fünfletzten Absatz hat sich ein Fehler eingeschlichen: Es muss "ALS die der Journalisten" heissen...
Re: Frühstück mit Zeitung
- Von: Constantin Seibt
- , 02. September 2009,
- 15:34
Sehr erfreulich, Herr Messmer, ihre Sicht ist die einzig möglich positive auf den Print-Journalismus: Dass es die Journalisten selber vermurkst & verschlafen haben.
Das ist optimistischer als die andere Sicht: Dass das Geschäftsmodell zusammenbricht, weil Anzeigen und damit die Blutzufuhr (aus Geld) in den Organismus der Zeitung so verdünnt wird, dass am Ende nur etwas Kleines, Improvisiertes, Hässliches übrig bleibt, dessen Tod niemand bedauert.
Oder dass die Leute schlicht ihre Gewohnheiten ändern: Dass Zeitung nur noch eine weiche Frühstücksdroge für ältere romantische Herren und Damen sind, die sich über Zeitungen aufregen.
Tatsächlich ist das "Wir sind selbst schuld" die einzig mögliche Arbeitshypothese für die Branche. Denn selbst schuld sein, heisst: Sein Schicksal selbst in der Hand haben.
Also ginge es um zeitgemässen, lebendigen Journalismus. Was wären da denn Ihre Vorschläge, Herr Messmer?
Re: Re: Frühstück mit Zeitung
- Von: M.M
- , 02. September 2009,
- 17:56
Ich bin ja Onliner. Und habe im Rahmen von Newsnetz meine Vorstellungen für einen zeitgemässen Journalismus eingebracht. Die Gemeindeportal-Idee, die meine Kollegen und ich verfolgt haben, wird beispielsweise seit heute von 20Min umgesetzt. http://www.20min.ch/lo... />
Ich bin also kläglich gescheitert, ich gebe es zu. Aus den verschiedensten Gründen.
Eine meiner Thesen gilt auch für Print: Die Journalisten müssen subjektiver und persönlicher werden. Wie Blogger. Auf der anderen Seite bin ich ein Anhänger der guten alten Berichterstattung. Eine Tageszeitung ist nun mal keine Sonntagszeitung.
Schliesslich halte ich den klassischen Aufbau unserer Zeitungen für überholt: Ausland, Inland, Wirtschaft und dann Lokales. Das lese ich doch alles online.
Warum also nicht umgekehrt? Richtig: Weil dann deutlich wird, wie im Grunde genommen Schwach die Leistungen der Redaktionen im lokalen Bereich sind.
Schliesslich: Warum dieses Mehrbundzeitungen - weshalb nicht nur einen Bund? Es braucht ja nicht immer der gleiche Umfang sein. Und: Warum funktionieren Lokalredaktionen so, dass am Tag vorher die meisten Themen festgelegt sind, am Morgen dann in der Redaktionskonferenz angemeldet werden und dann anderentags in der Zeitung stehen? Das halte ich produktionsmässig für völlig überholt.
Dann: Warum die Themen während des Tages nicht online entwickeln/anreissen und anderntags im Print mit Hintergrund und Kommentar vertiefen? (War unser Modell für baz.online). Und jetzt merken sie, dass sie im Grunde genommen andere Journalisten brauchen, nämlich solche, die multimedial denken und handeln können. Und die gibt's derzeit noch kaum auf dem Markt.
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